„Ich möchte nicht auf einer Insel leben

Neustädter Seniorengipfel im Zollhof in Speckswinkel: Alte Menschen in Entscheidungen einbeziehen!

Am Ende des „Neustädter Seniorengipfels“ lautete das Fazit von Bürgermeister Thomas Groll „Wir werden dran bleiben“. Das hatten sich in einer Diskussionsrunde auch Besucher gewünscht.

von Karin Waldhüter

Neustadt. „Politik kann die demographische Entwicklung nicht aufhalten, aber sie kann und muss Rahmenbedingungen schaffen, um die Chancen, die sich auch aus diesen Veränderungsprozess ergeben, zu ergreifen“, betonte Bürgermeister Thomas Groll. Das Stadtoberhaupt eröffnete mit einem Vortrag zum Thema „Kommunale Seniorenarbeit 2020 – neue Wege sind gefragt“, den „Neustädter Seniorengipfel“.

In den Zollhof nach Speckswinkel waren 45 Interessierte aus Politik, Kirche, Vertreter von Vereinen und Verbänden, Dienstleister aus dem Bereich der Seniorenbetreuung und vor allem Senioren aus Speckswinkel gekommen.

„Ziel muss es sein, eine der heutigen Zeit angepasste Seniorenarbeit vor Ort zu ermöglichen“, erklärte das Stadtoberhaupt. In Zusammenarbeit mit Land und Kreis müsse die Kommune für passende Rahmenbedingungen sorgen, die es den Senioren erlaubten so lange wie möglich ihr Leben selbstbestimmt, eigenständig und aktiv zu gestalten. „Auch in Zeiten knapper öffentlicher Mittel können und müssen von den politischen Ebenen Anstöße und Hilfestellungen für eine zukunftsorientierte Seniorenpolitik kommen“, betonte Groll.

Ein neues umfangreiches Betätigungsfeld im Wege eines kommunalen „Rundumsorglospaketes“ werde man nicht eröffnen können, dafür fehle es an finanziellen und personellen Ressourcen. Vielmehr sei man auf Partner, wie Vereine, Verbände, ehrenamtlich Engagierte und private Anbieter angewiesen. Zugleich gelte es sich nach Zuschüssen umzusehen.

Nur dann, wenn man Senioren in den Meinungsbildungs-prozess einbeziehe, könne dem Vorhaben Erfolg beschieden sein. Unverzichtbar sei, dass es einen festen Ansprechpartner in der Verwaltung für Seniorenarbeit geben müsse.

Fester Ansprechpartner In der Verwaltung

In der Verwaltung habe Karl-Joseph Lemmer diese Aufgaben wahrgenommen, nach seinem Ausscheiden im Sommer dieses Jahres werde im Zuge der bevorstehenden Umstrukturierung in der Verwaltung für Ersatz gesorgt werden.

Als Ziel für das Jahr 2015 gab Groll die Herausgabe eines „Seniorenwegweisers“ aus, der für alle Menschen über 60 Jahre Veranstaltungen und Ansprechpartner bündeln soll.

Zum regelmäßigen Treffpunkt und damit zum „Seniorenzentrum“ soll der barrierefrei ausgebaute Zollhof werden. „Mittagstisch, Fachvorträge und Exkursionen und Sprechstunden schweben mir hier vor“, so Groll, der auf bereits bestehen-

de Angebote, wie die Bürgerhilfe in Mardorf, Aktivitäten in Kirchhain und Lahntal hinwies. Er habe die Hoffnung, dass der Landkreis die neuen Wege vor Ort unterstützen werde. „Die bisherige Zusammenarbeit mit der Stabsstelle Altenhilfe, ermutigen mich hier, ebenso wie Gespräche mit der Freiwilligenagentur und der Alzheimergesellschaft“, betonte Groll.

Eine „Berieselung“ der Senioren lehne er ab, vielmehr sei aktives Mitmachen gefragt, ohne dabei in Konkurrenz zu bereits bestehenden Angeboten zu treten.

Martina Berckhemer von der Stabsstelle Altenhilfe des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Katja Kirsch von der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf und Juliane Vogel von der Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf stellten  anschließend ihre Angebote vor und widmeten sich in Impuls-referaten den Themen „Wir werden älter, was kommt auf uns zu“ und „Wer wir sind, was wir tun“. Unter den Fragestellungen „Wie wollen wir im Alter leben“, „Was brauchen wir dazu“ und „Was können wir tun“ brachten sich anschließend die Besucher in Kleingruppen ein und sammelten Ideen und Anregungen, um so neue Angebote für Senioren zu entwickeln.

Senioren formulieren ihre Wünsche

Neben geistiger und körperlicher Gesundheit und dem Wunsch möglichst lange zu Hause zu leben, entstanden in den Gruppen schnell weitere Anregungen und Wünsche. So findet Besucher Konrad-Heinrich Wiederhold „Hilfe in Verwaltungsangelegenheiten“ wichtig. „Ich möchte nicht auf einer Insel leben“, wünschte sich die fast 80-jährige Seniorin Johanna Drenckhahn aus Speckswinkel. „Vertrautheit in der Hilfe“, finden Bettina Hoffmann und Ursula Lorch wichtig.

Als weitere Wünsche und Anregungen wurden zum Beispiel ein Dorfcafe, Mittagstisch in Zollhof, Bürgerbus, alternative Wohnformen, Treffpunkt zur Kommunikation, Flexibilität in der Hilfe, Nachbarschaftshilfe oder eine ehrenamtliche Koordinierungsstelle genannt.

Gemeinsam mit der Stabsstelle Altenhilfe, der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf und der Alzheimer Gesellschaft werde man sich zusammensetzen, um die Ideen und Anregungen auszuwerten, erklärte Groll. Angedacht sei auch, das Thema im Jugend- und Sozialausschuss zu etablieren.

Hintergrund

Bereits heute leben in Neustadt 2 400 Menschen, die über 60 Jahre alt sind, 500 davon haben ein Alter von 80 Jahren erreicht.

Dass zwei oder drei Generationen unter einem Dach leben, ist seltener geworden. Kinder sind oftmals der Arbeit wegen in Ballungsräume gezogen.

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