Rechnung wurde auch mit Bier beglichen

Das Wahrzeichen Neustadts ist der größte erhaltene Fachwerkrundbau der Welt / Arbeiter wurden nicht nur mit Geld bezahlt
Von Laura Lansche

Neustadt.
Viele Mythen ranken sich um den Junker-Hansen-Turm in Neustadt. So zum Beispiel, dass sein Namensgeber Junker Hans öfter mit einem Ziegenbock um den Turm herumritt. Hans von Dörnberg, auch Junker Hans genannt, war „unermesslich reich“, sagt Holger Michel, der den Fachbereich Bürgerservice der Stadt Neustadt leitet und Führungen durch den Turm organisiert. Da fragten sich die Menschen natürlich, woher er das viele Geld hatte, und dachten, er habe etwas mit dem Teufel zu tun.
Der Junker-Hansen-Turm ist das Wahrzeichen von Neustadt und steht mitten in der Stadt neben dem Rathaus. Er ist der größte erhaltene Fachwerkrundbau der Welt und hat sogar einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde, steht auf der Website der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen.

Der Baumeister des Turms heißt Hans Jakob von Ettlingen. Michel erzählt, dass der Bau auf den Streit zweier Brüder zurückgeht. Der oberhessische Landgraf Heinrich III. war damaliger Eigentümer von Neustadt und stand im Konflikt mit seinem Bruder aus Kassel, dem Landgrafen Ludwig II. Nun wollte Heinrich III. sein Territorium und dessen Grenzen befestigen. Sein Hofmeister, Hans von Dörnberg, gab den Bau des Turms in Auftrag.

An Erkertürmchen trockneten Feuerwehrschläuche

Zuletzt soll Hans von Dörnberg viel Macht besessen haben, vielleicht sogar mehr als Heinrich III. So soll der Landgraf aus Kassel sich gefragt haben, wer eigentlich regiere, sein Bruder oder Junker Hans. Hans von Dörnberg musste schließlich nach Friedberg fliehen. Seine Grabstätte liegt in der Elisabethkirche in Marburg, allerdings ist diese leer, sagt Michel.

Ursprünglich wurde der Junker-Hansen-Turm zur Verteidigung gebaut. Deshalb hat der Turm viele Schießscharten. Zudem konnten aus den Türmchen Steine geworfen oder heißes Pech geschüttet werden. Er war früher von zwei Gräben umgeben. „Der Turm wurde aber nie zur Verteidigung genutzt“, sagt Michel. Generell wurde der Junker-Hansen-Turm nur gelegentlich genutzt. Zeitweise war er ein Gefängnis. Daran erinnert heutzutage ein vergitterter Raum mit einem „Gefangenen“ darin. Zum Beispiel nach der Kirmes wurden Gefangene dort untergebracht. Das eigentliche Gefängnis befand sich aber im Rathaus.

Drei Tage lang sollen US-amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg in dem Turm übernachtet haben, berichtet Michel. Für Übernachtungen ist der Turm jedoch eigentlich nicht der richtige Ort, denn es gibt keine Heizung, kein Wasser und keine Toilette.

Im Turm wurden außerdem schon Kräuter getrocknet. Ebenfalls zum Trocknen wurden an den Erkertürmchen einmal Feuerwehrschläuche aufgehängt, sagt Michel. Heute finden in dem Turm standesamtliche Trauungen statt. Außerdem befindet sich darin eine Ausstellung über seine Geschichte.

Junker-Hansen-Turm sollte schön aussehen

Der Junker-Hansen-Turm ist 48,80 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 12,60 Metern. Er ist beschussfest und trotzte standhaft allen Stürmen. Die Wände sind bis zu vier Meter dick. Der Fachwerkaufbau hatte keine militärische Funktion, sondern sollte ein Aussichtspunkt sein oder zum Aufenthalt dienen. „Vor allem aber sollte es schön aussehen“, sagt Michel. Schließlich wurde der Turm im 15. Jahrhundert in der Renaissance erbaut. Die Bauzeit liegt laut den Staatlichen Schlössern und Gärten Hessen zwischen 1480 und 1483.

„Der Turm ist leicht zur Seite geneigt, aber nicht so sehr wie der Schiefe Turm von Pisa“, sagt Michel. Beim Bau war der Boden zu niedrig. Als Fundament wurden 1.000 Eichenpfähle benutzt. Die Rechnung dafür befindet sich dem Turmkenner zufolge im Kirchenarchiv. Ebenso wie eine Bierrechnung. Denn die Arbeiter, die den Turm bauten, wurden nicht nur mit Geld, sondern auch mit Lebensmitteln bezahlt.

Vor einigen Jahren wurde der Turm saniert. Dabei wurde die schadhafte Eindeckung des Daches durch Zementfaserplatten ersetzt. Außerdem wurden die Dachschalung, Regenfallrohre, Dachrinnen, Wasserspeier und der Blitzschutz modernisiert.

Die Sagen über Junker Hans drehen sich meistens um den Teufel. So soll der Junker die Festungsarbeiter am Turm durchgehend von oben beobachtet haben. Wenn ihm etwas nicht gefiel oder zu langsam war, ritt er der Legende nach tagsüber oder nachts auf einem Pferd vom Turm herunter, obwohl die Turmwand eigentlich glatt war. Das Pferd soll die Fähigkeit gehabt haben, die Stellung seiner Hufe zu drehen. Dahinter konnte nur der Teufel stecken.