Arbeitskreis „Neustadt erinnert“ hat zweimal Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Mitbürger verlegt und plant drittes Projekt
Von Florian Lerchbacher
Neustadt.
„Es gibt immer noch ein paar Vorbehalte, aber Stück für Stück ändert sich die Einstellung der Neustädterinnen und Neustädter“, sagt Stadtarchivarin Andrea Freisberg und erinnert daran, dass noch vor zehn Jahren das Verlegen von Stolpersteinen in der Stadt größtenteils abgelehnt wurde. Im Jahr 2018 beschlossen die Stadtverordneten, auf dem Rathausplatz zumindest ein Denkmal zu errichten, um an die Gräueltaten der Nationalsozialisten an ihren jüdischen Mitbürgern zu erinnern. „Mehr war nicht zu erreichen“, kommentierte der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Gerhard Gatzweiler damals.
Nach der Umsetzung dieses Beschlusses im Jahr 2020 hat es inzwischen allerdings dann doch zwei Stolpersteinverlegungen in der Kernstadt gegeben. Die Initiative kam von Lehrer Roman Mehler, betont Freisberg. Vor einigen Jahren sei er an die Stadt herangetreten, habe sich gewundert, dass es in Neustadt keine Stolpersteine gebe, und gesagt, dass er das Thema gerne mit Schülerinnen und Schülern umsetzen wolle. Die Kommune habe ihn dann an sie vermittelt, wo er dann sofort eine Mitstreiterin gefunden habe: „Es war wohl gut, dass es externe Kräfte waren, die sich für Stolpersteine einsetzten, denn bis dato hatten sich die Menschen hier schwer damit getan.“
Im Zuge der „Nie wieder ist jetzt“-Bewegung, zu der vor rund drei Jahren in Neustadt Merve Hamel, Dieter Trümpert und Peter Schreiner eine Kundgebung initiierten, wurde dann der Grundstein für eine Stolperstein-AG gelegt: Freisberg hielt einen Vortrag zum Nationalsozialismus in Neustadt, und es fand sich ein „fester Kern“ von rund acht Personen, die das Thema Stolpersteine vorantrieben und durch Mehler auch im Unterricht des Jahrgangs zehn der Martin-von-Tours-Schule etablierten. Schülerinnen und Schüler recherchierten die Schicksale ehemaliger jüdischer Mitmenschen, die verfolgt, vertrieben und teilweise später in Konzentrationslagern ermordet wurden. „Wir sind auch Schule gegen Rassismus, Schule mit Courage – und da sind die Stolpersteine eines der wesentlichen Projekte geworden“, betont Hannes Becker von der Lebensweltbezogenen Schulsozialarbeit (bsj Marburg) und ergänzt: „Es hat einen ganz anderen Effekt, wenn es um Menschen geht, zu denen man über den Wohnort oder auch über ein konkretes Haus einen Bezug herstellen kann.“
Das bestätigen auch Zoey Ritter, Samantha Rettinghaus und Rene Michalek, die jüngst die zehnte Klasse abgeschlossen haben und an der zweiten Stolperstein-Verlegung beteiligt waren. Sie hatten Informationen zu Moritz Levi zusammengetragen – und dafür in direktem Austausch mit dessen Urenkelin Tova gestanden. Insbesondere sie dann während der Stolperstein-Verlegung in Neustadt zu sehen und ihre direkte Betroffenheit zu erleben, sei etwas Besonderes gewesen, stellt Michalek heraus.
Zu dieser Art des Geschichtsunterrichts gehöre auch, in der Klasse neun die Gedenkstätte Buchenwald zu besuchen, ergänzt Ritter. In dem ehemaligen Konzentrationslager zu erfahren, was mit den Menschen dort passierte, und das mit den Schicksalen aus Neustadt zu verbinden, habe für ganz komische Gefühle gesorgt. Und dann zu erleben, wie sich beispielsweise durch den Einsatz der ICE-Agenten in den USA die Geschichte wiederholt, sei schwer zu verstehen, sagt Michalek: „Man denkt doch, dass so etwas nicht mehr möglich sein sollte. Vor allem, wenn man weiß, wie es früher war.“ Entsprechend sei es wichtig, dass das Gedenkprojekt weitergeführt werde – am besten schon in Klasse neun, damit auch Hauptschülerinnen und -schüler diese Form der Geschichtsvermittlung erfahren.
Die dritte Stolpersteinverlegung ist jedenfalls bereits in Vorbereitung. Da zwölf Stück beim vergangenen Mal zu viele gewesen seien, werden dieses Mal drei Steine verlegt, berichtet Freisberg: Dann wird an Abraham Bachrach, seine Tochter und ihren Mann erinnert. Und weil in Neustadt zwei Abraham Bachrachs lebten, die auch noch beide Handelsmänner waren, werde die Recherche für die Schülerinnen und Schüler besonders spannend, kündigt die Archivarin an und betont, dass der einstige Arbeitskreis „Stolpersteine“ inzwischen den Namen „Arbeitskreis Neustadt erinnert“ trägt: Weil er inzwischen auch Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht oder zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus‘ ausrichte und künftig auch an nichtjüdische Opfer der Nazis erinnern wolle.
Bürgermeister Thomas Groll ist froh, dass es diese Initiative inzwischen gibt. Über 100 jüdische Männer, Frauen und Kinder hätten bis 1933 in Neustadt und Momberg gelebt. Nach Beginn der NS-Herrschaft hätten einige Deutschland noch verlassen können, doch mehr als 70 seien in den Konzentrationslagern gestorben. „Lange haben wir uns mit der Erinnerung an die Jahre 1933 bis 1945 sehr schwergetan. Und lange haben wir über mögliche Formen des Gedenkens diskutiert“, erinnert er sich und betont: „Es ist wichtig, den Menschen wieder einen Namen zu geben und sie zurück in die Mitte unserer Gesellschaft zu holen.“ Es sei sehr gut, dass die Gedenkkultur aus der Bürgerschaft entstanden sei, gelebt und von Ehrenamtlern getragen werde: „Die wir als Kommune gerne unterstützen.“
Besonders die Hilfe des Bauhofs sei sehr wertvoll, sagt Freisberg und betont gemeinsam mit Dieter Trümpert und Stephanie Trieschmann noch einmal, dass es bei Stolpersteinverlegungen nicht darum gehe, mit dem Finger auf Menschen oder ihre Vorfahren zu zeigen. „Es geht darum, das zu benennen, was geschehen ist, und an Schicksale zu erinnern – ohne zu bewerten“, resümiert die Archivarin und ruft die Neustädterinnen und Neustädter dazu auf, sich gerne im Arbeitskreis einzubringen, für Steine zu spenden oder Patenschaften zu übernehmen.

