Schülerinnen und Schüler verzieren auf eigene Initiative ihre Sporthalle in Neustadt
Von Florian Lerchbacher
Neustadt.
Lieber doch in Pink statt in Gelb: Esther Kuty und ihre Mitschülerin greifen noch einmal zu den Spraydosen und verpassen der Umrandung des „Neustadt“-Schriftzuges an der Turnhalle der Martin-von-Tours-Schule (MvTS) eine andere Farbe. Die beiden Mädchen gehören der Graffiti-AG an und verpassen mit weiteren 20 Schülerinnen und Schülern der Halle einen neuen Look – und das freiwillig und in den Ferien.
Er wolle Künstler werden, zeichne gerne und: „Graffiti macht mir sehr viel Spaß“, erklärt der 13-jährige Deniz Demir, warum er an dem Projekt während der ersten Osterferienwoche teilnimmt. Als Motiv hat er sich Satoru Gojō aus der Anime-Serie „Jujutsu Kaisen“ ausgesucht und an eine der Wände gesprüht – und zwar an die, die in Richtung Schule zeigt. Zur Straße hin zieren unter anderem ein Neustadt- und ein MvTS-Schriftzug sowie der Junker-Hansen-Turm die Hallenwand, Richtung Klassenräume sind vornehmlich Cartoons und Comicfiguren abgebildet. „Mit der Front wollen die Schülerinnen und Schüler zeigen, dass die Schule zu Neustadt gehört. Die Motive Richtung Schulhof sollen vor allem Spaß machen“, erläutert Hannes Becker von der Lebensweltbezogenen Schulsozialarbeit (bsj Marburg).
Fröhliche Bilder gegen Hassbotschaften
Schon im September 2025 hatten Acht- bis Zehntklässler Graffiti an die hinteren Wände der Turnhalle gesprüht und waren so mit fröhlichen Bildern gegen Hassbotschaften vorgegangen: Sie übermalten Tags (Schriftzüge), transgenderfeindliche Aussagen und Zeichen verfassungswidriger Organisationen, die zuvor hinterlassen worden waren. Die Schulgemeinde empfand die Schmierereien als Schande und wollte etwas dagegen tun. Und so war es auch dieses Mal. „Wir wollen die Wände verschönern, um es besser aussehen zu lassen“, sagt Esther Kuty. Die erste Aktion sei gut angekommen, Graffiti sähen einfach cool aus und würden nicht mit anderen Graffiti übermalt, betont sie. Deswegen hatte sich die Schülervertretung, der sie angehört, für eine zweite Auflage eingesetzt und einiges dafür getan, wie Becker hervorhebt: Mit ein bisschen Hilfe schrieben die Schülerinnen und Schüler einen Förderantrag, stellten diesen im Rathaus mit Blick auf den „Verfügungsfonds Neustadt“ vor – und bekamen von der Stadt finanzielle Unterstützung durch das Programm „Sozialer Zusammenhalt“ der Städtebauförderung zugesagt. Weil das aber nicht alle Kosten deckte, organisierten die Jugendlichen an der Schule noch einen Spendenlauf, der weitere 1.000 Euro für ihr Projekt einbrachte.
„Sie wünschten sich, dass ihre Schule bunt, schön und einladend ist, und erklärten, man solle lächeln, wenn man zur Schule geht“, gibt der Schulsozialarbeiter einen Einblick in den gestellten Antrag. Und einfach drauflosgesprüht wurde in der ersten Woche der Osterferien natürlich auch nicht: Immer freitags nach Schulschluss kamen die Mitglieder der Graffiti-AG zusammen, um die Motive abzustimmen, die an die Halle kommen.
Bei der Umsetzung halfen ihnen dann Moritz Habermann und Mathis Hagenau, die schon zahlreiche Graffiti-Projekte in der Region umgesetzt oder begleitet hatten. Graffiti sei als Kunstform aus den Kinderschuhen herausgewachsen und eine akzeptierte Jugend-Subkultur, freut sich Hagenau, der als freischaffender Künstler auch in der Kunstvermittlung stark engagiert ist.
Die beiden jungen Männer gaben den Jungen und Mädchen Einführungen in den Umgang mit den Sprühdosen und der Farbe – denn so einfach, wie es aussehen mag, ist es nicht. Um fein zu arbeiten, muss man beispielsweise nah an die (Lein-)Wand heran – was aber gleichzeitig die Gefahr birgt, dass zu viel Farbe aufgetragen wird und diese dann verläuft. Als Testfläche hielt daher zwischen zwei Bäume gespannte Frischhaltefolie her. Und da, wo nötig, kümmerten sich die beiden Profis im Nachgang noch einmal um die Details. Es sei schließlich wichtig, dass insbesondere die Gesichter der Comicfiguren gut zu erkennen sind, erklärt Becker. Gleichzeitig hätten die Künstler aber auch darauf geachtet, die Motive nur minimal zu verändern – denn es sei wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler die Bilder weiterhin als „ihre“ ansehen und sich mit ihnen identifizieren. Insgesamt haben sie nun – mit Einverständnis des Landkreises – auf einer Länge von 124 Metern die Sporthalle verziert. Und das ist nicht die einzige Stelle in Neustadt, an der ein professionell angeleitetes Graffiti-Projekt in jüngerer Vergangenheit umgesetzt wurde.

