Ranzemänner-Dorf wird 800 Jahre alt
Teil des vielfältigen Vereinslebens in Momberg ist auch eine Gruppe eingeheirateter Männer
Von Laura Lansche
Neustadt-Momberg.
Die Menschen aus Momberg sind auch als Ranzemänner bekannt. Viele Momberger liefen früher mit Ranzen aus Leder auf dem Rücken zu ihren weit entfernten Arbeitsorten, steht in der Momberger Dorfchronik. Darin waren Werkzeuge und Essen. In Momberg waren viele in der Landwirtschaft und im Handwerk tätig. Die Momberger übten alle erdenklichen Handwerksberufe aus, weil ihre kleinen Höfe in der damaligen Zeit nicht mehr zum Leben reichten. Sie waren in der Umgebung für ihre gute Handwerksarbeit geschätzt.
In dem Dorf mit knapp 1.200 Einwohnerinnen und Einwohnern sind mehr als 20 Vereine aktiv. Besonders außergewöhnlich ist der „Club der Beigefreiten“. Mitglieder sind Männer, die nach der Heirat zu ihren Schwiegermüttern nach Hause zogen. „Dort hatten sie nichts zu sagen“, erklärt Sonja Stark, die sich in der Feuerwehr und im Festausschuss engagiert. Zudem bekamen sie angeblich kein gutes Essen, sondern nur Blutwurst. Daher schlossen sich die eingeheirateten Männer zusammen. Jeden September am Kirmesmontag organisieren sie ein Treffen, um zu feiern und rote Wurst zu essen.
Teil der jährlichen Kirmes ist ein Festzug – eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Dörfern. Ein solcher ist auch im Festjahr anlässlich des 800-jährigen Bestehens von Momberg geplant. Der Sportverein, der Schützenverein und die „Ranzenmannschaft“ kümmern sich abwechselnd um die Organisation. Auch abseits der Kirmes gibt es viele Feste. „Die Momberger feiern gerne“, sagt Sonja Stark. Faschingsbegeisterte kommen bei vier Festen im Dorf auf ihre Kosten: dem Senioren- und Kinderkarneval, dem Vereinskarneval und dem Frauenfasching. „Er ist nur von Frauen für Frauen“, sagt Manfred Sack vom Trägerverein Dorfzentrum. Die einzigen erlaubten Männer dort sind laut Sonja Stark der Bürgermeister, der Pfarrer und eine Männertanzgruppe.
Momberg ist katholisch geprägt. Sein Zentrum schmückt die große Pfarrkirche St. Johannes der Täufer. „Sehr viele Pilger gehen durch den Ort und bleiben bei der Kirche oder der Mariengrotte stehen“, erzählt Manfred Sack. Der Pilgerpfad namens „Elisabethpfad“ führt aus der Richtung Eisenach durch Momberg. In der Mariengrotte steht eine überlebensgroße Statue von Maria, der Mutter von Jesus. Sie ist eine Nachbildung der Mariengrotte in Lourdes in Frankreich. Urkundlich wurde Momberg das erste Mal im Jahr 1226 erwähnt. Typische Momberger Nachnamen sind Dippel, Lotter und Sack.
Jeder Verein hat in Momberg ein eigenes Vereinsheim. „Das Vereinsleben hier ist sehr ausgeprägt“, sagt Manfred Sack. „Durch das Vereinsleben kann man sich schnell einbringen und wird ins Dorfleben integriert“, sagt der Ur-Momberger. Man müsse nur in einen Verein gehen und schon sei man dabei. Früher gab es zudem vier Dorfkneipen von Vereinen. Wo heute Mombergs multifunktionales Haus als Dorfzentrum steht, war früher ein Kindergarten. Einmal in der Woche können Mombergerinnen und Momberger dort zum Friseur oder zur Fußpflege gehen. Ehrenamtliche öffnen zweimal im Monat ein Dorfcafé und bieten selbstgebackenen Kuchen an. Ebenfalls ehrenamtliche Mütter bespaßen mehrmals in der Woche über 60 Kinder im Alter von bis zu zwölf Jahren. Sie bepflanzen zusammen Hochbeete, spielen Gesellschaftsspiele oder stellen Seifenblasen und Dekoration für Zuhause her. Sonja Stark findet: „Momberg ist kinderfreundlich.“
„Leider gibt es keine Nahversorgung mehr“, sagt der Ortsvorsteher Timo Stark. Über eine Bäckerei oder eine Gaststätte würden die Mombergerinnen und Momberger sich freuen. „Aber das wird nicht mehr kommen“, glaubt Sonja Stark. Aus den Nachbarorten kommen stattdessen Bäcker, Metzger und Getränkehändler mit Verkaufswagen. Ansonsten fahren die Menschen mit dem Auto oder Bürgerbus nach Neustadt zum Einkaufen.
Auch neue Baugebiete, damit junge Familien sich ansiedeln, fände Timo Stark wichtig. Eine andere Herausforderung im Ort ist, dass Kinder nicht mehr selbstverständlich in Vereine gehen und die Ehrenamtlichen älter werden. „Es wird immer schwieriger, die junge Generation vom Handy wegzuholen“, sagt Manfred Sack. Neben den vielen kulturellen Angeboten bewertet er auch den Verkehrsanschluss in Momberg als positiv. Durch die Autobahn 49 sei man mit dem Auto gut angebunden. Und auch die Züge in Neustadt sind nicht weit. „Radwege gibt es in alle Himmelsrichtungen“, sagt Timo Stark.
Früher hänselten die Momberger Ranzemänner und die Neustädter Sumpfbiber sich gegenseitig. Auch zu evangelischen Nachbarorten grenzte das katholische Momberg sich ab. Heute veränderte sich das Verhältnis. „Momberg ist weltoffener geworden“, sagt Sonja Stark. Sie kommt selbst aus Neustadt und habe sich leicht integriert. Auch viele Geflüchtete aus Syrien und der Ukraine wohnen im Ort. „Hier ist jeder willkommen“, sagt Timo Stark.

