Das Stück „Mister Ruhl“ handelt von der Auswanderung des Neustädters Theodor Ruhl in die USA
Von Laura Lansche
Neustadt.
Verzweifelt, arm und hungrig beklagt Theo Ruhl sein Schicksal. „Wie soll mein Leben nur weitergehen?“, fragt er sich auf der Bühne des Kultur- und Bürgerzentrums in Neustadt. Die Winter in Neustadt seien eisig, eine Missernte folge auf die andere, auch wegen Schädlingsbefall. Er wünscht sich ein besseres Leben und beschließt schließlich als 19-Jähriger, auszuwandern und sein Glück in den USA zu versuchen. Das war im Jahr 1866.
Die Geschichte von Theodor Ruhl, auch Theo genannt, ist real. Er war einer von rund 600 Neustädterinnen und Neustädtern, die auf der Suche nach Wohlstand in die Vereinigten Staaten zogen. Ein Laienensemble lässt in seinem zweiten Werk über die Stadt, „Mister Ruhl“, Leben und Fluchterfahrungen aus den Jahren 1820 bis 1920 lebendig werden. Es bildete sich anlässlich des ersten Neustadtmusicals „Nova Civitas“ aus dem Jahr 2022 über die Gründungsgeschichte Neustadts.
Der Aufbruch von Theo Ruhl, gespielt von Tobias Sollorz, verursacht in dem Stück bei den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern Neustadts viel Aufsehen. „Große Güte“, „Was für Zeiten“ und „Alle wollen uns verlassen“, rufen sie bestürzt. Mit Taschentüchern winken sie Ruhl und anderen Aufbrechenden zu und beklagen in einem Lied voller Wehmut ihre Abreise.
Zunächst ist der versprochene Wohlstand in Amerika für Ruhl nicht in Sicht. Er ist überhaupt froh, die harte Überfahrt im Zwischendeck des Schiffes überlebt zu haben. Endlich angekommen in New York gibt es nur Jobangebote als Tellerwäscher. Schließlich gelingt es ihm aber, ein Stück Land zu erwerben. Der soziale Aufstieg zeigt sich auch an seiner nun schickeren Kleidung. Dennoch verspürt er immer wieder Sehnsucht nach seiner Heimat Neustadt, seiner Familie und dem Junker-Hansen-Turm.
Neustadts Bürgermeister Thomas Groll (CDU) habe nach der ersten Musicalaufführung gefragt, ob die Gruppe nicht noch ein zweites Stück aufführen wollte, erzählt die Leiterin des Ensembles, Christiane Krapp. Das dauerte eine Weile, schließlich musste das neue Musical erst entstehen. Die Idee fand Krapp in Geschichtsbüchern über Neustadt. Auf dieser Grundlage entwickelte sie die Handlung.
Damit war das Stück noch nicht abgeschlossen. „Meine Vorlage war da und wir haben sie gemeinsam weiterentwickelt“, sagt Krapp. Daher spricht sie auch von einer „Gemeinschaftsproduktion aller Beteiligten“. Bei dem ersten Treffen des Ensembles mit rund 60 Menschen vor einem Jahr wurden die Rollen verteilt. Krapp stellte zuerst das Stück vor. Dann versuchten die Darstellerinnen und Darsteller, sich in eine Rolle hineinzudenken. So wählten sie selbst die für sie passende Rolle aus. In die Entscheidung hinein spielte auch der Aufwand.
In dem Musical wird geschauspielert, getanzt, gesungen – im Chor und alleine – und musiziert. Die Kombination aus hohen und tiefen Stimmen ruft schnell ein Gänsehautgefühl hervor. In der Probe lachen die Hobby-Schauspielerinnen und -spieler viel. In den USA, in Detroit, bildete sich eine Neustädter Gemeinde. Dort feierten die Darstellerinnen und Darsteller in einer Szene bei einer Kirmes.
Zuerst sind an dem Probeabend die Tänze an der Reihe. Eine Gruppe Menschen steht auf der Bühne, hält sich an den Händen und läuft im Kreis. Schließlich bilden sich Paare, die sich drehen, in die Hände klatschen und dann die Partnerin oder den Partner wechseln. Unter den Instrumenten sind Gitarre, Blockflöten in verschiedenen Tonhöhen, Akkordeons, Klavier und Mundharmonika. „Stellt euch vor, dass jetzt der Vorhang aufgeht“, sagt Krapp anschließend. Dann probt die Gruppe das Stück einmal von vorn bis hinten durch. Die Kostüme versetzen die Zuschauenden in eine andere Zeit. Eine Frau hat ein langes, weißes Kleid mit Stickereien an, eine andere einen schwarzen Faltenrock mit einer weißen Schürze. Manche tragen Hauben oder Spitzenhüte. Männer haben Westen oder Hosenträger an, ihre Köpfe bedecken Mützen oder Kappen. Viele haben Körbe in den Händen. Jede Person kümmerte sich selbst um ihr Kostüm, berichtet Krapp. Die Kostüme sollten zeitgemäß sein, entsprechen aber auch dem, was die Darstellenden finden konnten. Manche wählten Trachten, andere Arbeitskleidung. Um Licht und Ton kümmert sich die Firma Henning Michl. Manche Mitwirkende kommen aus Neustadt, andere sind zu- oder weggezogen. Eine Darstellerin wohnt nun in der Schweiz und kommt extra für die Proben nach Neustadt. Viele waren schon bei der ersten Aufführung dabei. Fürs Mitmachen mussten die Menschen nicht besonders gut singen können, sondern „einfach Freude am Projekt haben“, sagt Krapp.
Das Musical zeigt, dass „Menschen seit jeher nach einem Dasein in Frieden und Wohlstand suchen, bereit, die Strapazen der oft dramatischen Fluchtbedingungen dafür auf sich zu nehmen“, steht in einem Flyer über das Musical. Nach 20 Jahren in den USA kommt Ruhl nach Neustadt zurück und wird von da an „Mister Ruhl“ genannt. Ist seine Rückkehr zuerst von Freude geprägt, mischt sich bald die Realität ein.

