Parcours verdeutlicht Schicksale

Verein bsj gab Tours-Schülern Denkanstöße, um sich ihre eigene Meinung zum Thema Flüchtlinge zu bilden
Mit einem „Polit-Parcours“ versucht der Marburger Verein bsj, Schülern in Neustadt ein Leben als Flüchtling näherzubringen und sich in die Situation der Menschen hineinzuversetzen.
von Florian Lerchbacher
Neustadt. „Drei Jahre unterwegs? Das ist übel“, sagt eine Siebtklässlerin von der Martin-von-Tours-Schule, als sie erfährt, wie lange die Flucht von Ali aus Idlib im Nordwesten Syriens nach Deutschland dauerte. Sie habe nicht gedacht, dass eine Flucht so lange dauere und es so viele Hindernisse gebe.

Der bsj hatte auf seinem „Polit-Parcours“ im von der Stadt zur Verfügung gestellten historischen Rathaus die Daten der Flucht von drei Männern und ihre Schicksale aufgearbeitet. Zudem gab es weitere Stationen, mit denen der Verein das Leben und die Leiden von Flüchtlingen erlebbar machte. So mussten die Schüler, die in Kleingruppen unterwegs waren, beispielsweise innerhalb von drei Minuten entscheiden, was sie auf einer Flucht mitnehmen würden und alles in einen Koffer packen. Für fünf Siebt- klässler war sofort klar: Reisepass, Geld und ein Schlafsack müssen auf jeden Fall mit. Auch ein Ladekabel packten sie ein, vergaßen in der Hektik aber das Handy. Dass es durch Zufall doch im Koffer gelandet war, machte sie glücklich: „Im Notfall ist das wichtig. Man muss ja Hilfe holen können, wenn ein Unfall passiert. Und manchmal möchte man vielleicht einfach mit seinen Eltern telefonieren – falls sie noch leben“, erklärte einer der Jungs. Ein anderer hatte ein Stofftier eingepackt: „Als Begleiter. Als Freund“, erläuterte er. Diskussionen gab es derweil um ein Spiel, das einer als mögliche Ablenkung für die Reise einpacken wollte, die anderen aber nicht. Es nehme zu viel Platz ein, entgegneten sie.
Erinnerungsfotos an die Heimat ließen sie ebenfalls liegen – weil sie diese übersehen hatten. Allerdings waren sich die Jugendlichen einig, dass sie diese hätten mitnehmen sollen: „Damit man weiß, warum man um sein Leben kämpft.“
Ziel der über das Programm „Jugend stärken im Quartier“ geförderten Aktion war es, den Teenagern „Denkanstöße zu geben, um festgefahrene Meinungen zu hinterfragen und neue Perspektiven zu eröffnen“, wie Susanne Kaiser, Bildungsreferentin vom bsj, erklärte. Sie habe Neustadt ausgewählt, weil dort auf der einen Seite zahlreiche Geflüchtete lebten, es auf der anderen Seite jedoch auch zahlreiche AfD-Wähler gebe. Es sei daher wichtig, den Jugendlichen Impulse zu geben, damit sie sich selbst Gedanken machen und nicht einfach im Elternhaus kolportierte Meinungen zu übernehmen. Am besten gehe dies, indem man sich mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzt und sich über die Thematik austauscht.
Die Gruppen „durchlebten“ den Parcours in Begleitung von bsj-Vertretern, aber auch von gleichaltrigen Mitschülern. Diese habe der Verein dazu geholt, um neue Impulse und Anregungen zu bekommen, wie die Thematik den Schülern näherzubringen ist, so Kaiser. Max Bieker (15) und Ilayda Gökkurt waren zwei dieser „Peers“. „Anfangs sagten einige Teilnehmer noch, dass es den Flüchtlingen doch gut gehe, da sie Geld bekommen und angeblich die neuesten Handys haben. Aber beispielsweise als sie dann den Film sahen, in denen zwei junge Männer über ihre Flucht sprechen, da gab es dann doch einige bedröppelte Gesichter“, berichtete Bieker. Seine Mitstreiterin hatte den Eindruck, dass sich die ein oder andere Meinung im Laufe der Veranstaltung relativiert habe: „Man erfährt und lernt eben viel an den einzelnen Stationen.“

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