Marie-Luise Marjan begeistert bei einer Lesung mit ihrem Humor und findet warme Worte für die Kleinstadt im Landkreis
Von Xaver Hartig
Neustadt.
„Das ist wie im Paradies.“ Das sagte eine Frau, die in ihrem Leben schon einiges erlebt hat, als sie am Donnerstagabend im Kultur- und Bürgerzentrum Neustadt auftrat. Mehr als sechs Jahrzehnte stand Marie-Luise Marjan auf Theaterbühnen und vor der Fernsehkamera. Millionen Zuschauer kennen sie durch ihre Figur Helga Beimer, genannt „Mutter Beimer“, aus der Kultserie „Lindenstraße“. Sie wurde so beliebt, dass sie auch als „Mutter der Nation“ bekannt wurde. Anlass für ihren Auftritt war der Mittelhessische Kultursommer. Dabei war sie mit ihrer Lesung „Mord mit Muttern“ zu Gast. Bürgermeister Thomas Groll (CDU) machte bei seiner Begrüßung deutlich, welchen Stellenwert der Besuch für die Stadt hat. „Es gibt ja viele Legenden, sagt man heute“, betonte er.
Spaziergang im Bürgerpark
Wenn ein Fußballer dreimal für Deutschland ein Tor schießt, dann spreche man schon von einer Legende, sagte er. Meistens seien das eher Eintagsfliegen. „Wir haben heute jemanden hier, auf den dieser Titel einer Legende wirklich zutrifft“, sagte Groll, der seit Langem großer Lindenstraßen-Fan ist. Dabei zeigt sich nicht nur das Publikum von ihrer Ankunft begeistert, sondern auch die 86-Jährige fand begeisterte Worte über die hessische Kleinstadt. Schon auf der Bühne hatte Marjan von ihrem ersten Eindruck geschwärmt. Sie war über mehrere Tage in Neustadt und übernachtete im Pfarrhaus.
Noch bevor Marjan die erste mörderische Geschichte vorlas, berichtete sie über ihren Eindruck von der Kleinstadt. Sie sei „wunderschön“, ihre Gastgeberin Kim Bagus sei eine „wunderbare Gastgeberin“. Bei einem Spaziergang durch den Park habe sie Menschen in der Sonne sitzen und Boule spielen sehen. Besonders die Atmosphäre habe es ihr angetan. „Man fühlt eine Gemeinschaft hier“, sagte Marjan auf der Bühne. „Ich bin ganz glücklich, hier zu sein“, fasste sie zusammen, ehe sie die humorvollen Geschichten vorlas. Nach dem Auftritt fand sie im Gespräch mit der OP nur positive Worte. Besonders die „Herzlichkeit und Freundlichkeit“ sowie die Umgebung des Junker-Hansen-Turms hätten ihr gefallen. „Es war alles eine so friedliche Atmosphäre. Die Leute müssen das zu schätzen wissen“, rät sie. Gerade Menschen, die wie sie aus einer Großstadt kämen, könnten einen solchen Ort besonders zu schätzen wissen. „Wenn man es immer hat, wird es alltäglich, dann nimmt man das als selbstverständlich an.“
Marie-Luise Marjan hat viel Humor
Im Mittelpunkt des Abends stand der Humor, den sie bereits mit ihrer Figur der Mutter Beimer verkörperte. Unter dem Titel „Mord mit Muttern“ las sie Geschichten von Ralf Kramp. Mal erzählt Marjan von einer Friseurin, deren beste Kundin regelmäßig davon fantasiert, ihren Mann umzubringen. In einer anderen Geschichte begegnet ein junger Mann an der Supermarktkasse einer vermeintlich liebenswerten alten Dame, die lediglich eine Packung Quark kaufen möchte. Der soll angeblich gegen ihre schmerzende Schulter helfen. Erst am Ende erfährt er, woher die Schmerzen tatsächlich kommen.
Nach der Pause gab es unter anderem ein makaberes Gedicht über die verflossenen Männer einer Frau. Fünf sind bereits tot. Während Nummer sechs im Garten arbeitet, lässt Marjan schließlich das Publikum gemeinsam die Pointe sprechen. Dazu erzählte sie weitere Geschichten, in denen Kriminalität und schwarzer Humor eng beieinanderliegen. Nach dem Auftritt nahm sie sich reichlich Zeit für ihre Fans. Etwa 20 Minuten war sie mit den Zuschauern im Gespräch, gab Autogramme und nahm sich Zeit, um Fotos mit den Fans zu machen. Manche Neustädter ließen sich etwa ihre „Lindenstraßen“-DVD‑Kollektionen oder auch „Lindenstraßen“-Schilder signieren.
Das macht die einstige Fernsehfamilie
Im anschließenden Gespräch mit der OP musste noch die Frage geklärt werden, ob „Mutter Beimer“ noch Kontakt zu ihrer einstigen Fernsehfamilie hat. Moritz A. Sachs, der ihren Sohn Klaus Beimer in der Serie spielte, lebt wie Marjan in Köln. „Wir telefonieren und haben auch im selben Monat Geburtstag“, sagte sie. Auch Andrea Spatzek, die Gabi Zenker spielte, wohnt in Köln. Mit ehemaligen Kollegen aus der Umgebung sehe man sich deshalb gelegentlich.
Mit Weggefährten, die weiter weg wohnen, sei das aber schwieriger. Kontakt zu Christian Kahrmann, der Benny Beimer spielte, gestalte sich schwierig, da er in Berlin lebt: „Das ist zu weit weg“, sagte Mutter Beimer. Wenn sie gelegentlich in den Städten zu Besuch sei, in denen frühere Kollegen wohnen, versuche sie, diese zu treffen.
Nach einem Abend voller Gift, Leichen und düsterem Humor bleibt für Marjan ausgerechnet der friedliche Eindruck Neustadts hängen. Für einen Ort, den die legendäre Schauspielerin zuvor nicht kannte, ist „wie im Paradies“ schließlich kein schlechtes Fazit.

