Neustädter zeigen ihre Vielfalt

Gemeinwesenarbeit will mit Plakataktion ein Zeichen setzen • Rund 50 Bürger nahmen teil
„ln den vergangenen Monaten ist viel Negatives hochgekocht“, sagt Annika Schlüter von der Gemeinwesenarbeit Neustadt und ergänzt: „Wir wollen mit unserer Plakataktion etwas Positives dagegensetzen.“
von Florian Lerchbacher
Neustadt. Rund 50 Bürger sind auf Plakaten der Gemeinwesenarbeit Neustadt zu sehen – ein Teil von ihnen mit stark politisch geprägten Sprüchen. Die Entscheidung, mit was für einer Botschaft sie abgebildet werden, habe jeweils bei ihnen gelegen, betont Martin Methfessel, ein Mitarbeiter der Gemeinwesenarbeit, deren generelles Ziel es war, die Vielfalt der Menschen in der Stadt abzubilden.
Und so ist beispielsweise Ortsvorsteher Klaus Groll auf seinem Traktor zu sehen – mit dem Spruch: „Ehrenamt ist unbezahlbar.“ Hermann Schulze ließ sich im Kreis seiner Familie ablichten: „Wir sagen Ja zu Neustadt mit seiner Vielfalt.“ Roswitha Trümpert, die Vorsitzende des Arbeitskreises Straßenmalerfestival, ist indes mit einer doppeldeutigen Botschaft zu sehen, die politisch gefärbt ist: „Die Stimmung schwärzt sich braun? Ich aber mag es lieber bunt!“ Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr teilen mit: „Wir sind die heißeste Truppe.“ Eine syrische Familie freut sich, dass ihre Kinder jetzt in Sicherheit leben können.
Dass es letztendlich auch politisch wurde, sei ursprünglich nicht beabsichtigt gewesen, hebt Annika Schlüter hervor, gibt aber zu, dass dies durchaus ein Hintergedanke gewesen sei. Die Entwicklung in Deutschland und auch in Neustadt mit zunehmendem Hass auf alles Fremde habe den Ausschlag gegeben und das Wahlergebnis letztendlich eine Reaktion quasi gefordert. „80 Prozent der Neustädter haben nicht die AfD gewählt – doch sie schweigen, während die anderen 20 Prozent sehr laut sind“, sagt Methfessel. Ein Gedanke sei gewesen, das Schweigen zu überwinden und den Menschen eine Stimme zu geben.
Klare Worte findet in diesem Zusammenhang Ernst Lang, der auf „seinem“ Plakat zusammen mit Mike Joel aus Togo und dem Spruch „Wir leben angstfrei in Neustadt“ zu sehen ist. Der junge Flüchtling müsse keine Angst mehr haben, weil er eine neue ffeimat in Sicherheit gefunden habe – und er selber habe auch keine Angst. „Das Undefinierte Angstgefühl vieler Menschen beschäftigt mich schon seit langem.“ Er habe Menschen schon mehrfach darauf angesprochen, aber nie eine konkrete Antwort bekommen. Oftmals sei es die Furcht vor dem Fremden: „Aber wer Angst hat, sollte versuchen, diese durch Aktivität zu bekämpfen.“ Eine Möglichkeit sei eine Therapie, eine andere, sich mit dem, was Angst macht, auseinanderzusetzen: „Aber viele Menschen wollen das auch gar nicht, weil sie sonst nichts mehr haben, um zu meckern.“ Wobei Schlüter meint, dass es trotzdem wichtig sei, sich mit den Angstgefühlen der Menschen auseinanderzusetzen und diese auch ernst zu nehmen.
Längs Meinung nach gibt es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern keine echten Probleme. Er sei in der Welt herumgekommen und habe viel Elend und Leid gesehen: „Wir müssen keine Angst vor Krieg oder dem Verhungern haben. Lins geht es hierzulande gut.“
Als Fotograf fungierte bei der Plakataktion Felipe Barbara da Cruz, ein Mitarbeiter der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Erst sei ihm ein Kurzfilm durch den Kopf gegangenen, doch im Gespräch mit den Mitarbeitern der Gemeinwesenarbeit und potenziellen Teilnehmern kam die Idee für die Plakataktion auf – auch als Resultat der verschiedenen Aussagen, die getroffen wurden. Er habe gemerkt, dass die Menschen unterschiedliche Botschaften hätten und sie übermitteln wollten – was sie nun auch können. Ob es noch eine zweite Auflage gibt, steht noch nicht fest. Dies sei abhängig von der Resonanz der Menschen, sagt Schlüter.

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